Turbulenter Auftakt im Doping-Prozess
Turin-Affäre: Schreiduelle, Hektik und eine Richterin, die Markus Gandler vorzeitig nach Hause schickt.
ÖSV-Sportchef Markus Gandler (Mitte) und Ex-Langläufer Martin Tauber (re.) waren beim seltsamen Spektakel live dabei.
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Nur gut, dass Markus Gandler und Martin Tauber die Nacht vor dem Doping-Prozess in Turin verbracht haben und nicht in Susa. Das hätte bei den beiden sonst möglicherweise Beklemmung und Nervenflattern ausgelöst. Im Hotel Napoleon, dem besten Haus der Kleinstadt im Piemont, sind die Zimmerfenster vergittert. Susaische Gardinen sozusagen.
"Es war trotzdem eine unruhige Nacht", meinte ÖSV-Sportdirektor Gandler als er in Susa vor dem Haus Nr. 36 in der Via Palazzo di Citta eintrifft. Ein schmuckloses Gebäude, grau in grau, eingebettet zwischen Trafik und der Trattoria del Borgo , wo die Einheimischen schon zum Frühstück ins Glas schauen.
Der Putz bröckelt, die italienische Fahne, grau-orange-hellgrün, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Das Tribunale von Susa, das Bezirksgericht im hintersten Piemont, es ist eine hinterweltlerische Bühne für einen Prozess rund um einen Vorfall, der bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin noch für weltweites Aufsehen gesorgt hatte.
Dreieinhalb Jahre später geht es vergleichsweise ruhig zu. Den lokalen Zeitungen ist der Prozessbeginn keine Zeile wert, und in Susa schert sich in Zeiten des Bierfestivals und der Bioenergie-Tagung keiner um die umtriebigen Anzugträger mit ihren dicken Aktenkoffern.
3700 Seiten
Zehn Anwälte vertreten die zehn österreichischen Angeklagten, von denen nur Sportdirektor Gandler und der ehemalige Langläufer Tauber gestern nach Susa gekommen waren. Sie hätten sich die Reise wohl sparen können, denn was sie im ersten Stock des Tribunale zu sehen bekamen, war in erster Linie ein verbales Kräftemessen zwischen den Verteidigern und der Staatsanwaltschaft. "Es geht zu wie auf dem Fischmarkt", meinte Martin Tauber angesichts der Schreiduelle.
Was die Anwälte so erregte, sind 1914 Seiten, die nicht ins Italienische übersetzt worden waren. Das ist mehr als die Hälfte der Unterlagen des Doping-Akts, der 3700 Seiten umfasst.
Weil viele Dokumente lediglich in Englisch, Französisch oder Deutsch vorliegen, brach die Richterin Alessandra Danieli die Verhandlung nach der Befragung des ersten Zeugens, eines Polizisten, ab. Pünktlich zum Mittagessen. Bis zum nächsten Prozesstag am 16. Oktober soll nun geklärt werden, ob die Unterlagen ausreichen oder doch alle übersetzt werden müssen.
Kostenintensiv
Der Prozess wird wohl erst im Frühjahr 2010 beginnen. Wenn überhaupt. Zu kompliziert ist die Causa, zu kostenintensiv, dazu kommen erhebliche Probleme mit der Wahrheitsfindung. Die Liste der Zeugen umfasst 38 Personen, teilweise aus der Ukraine oder Hongkong. Ein Zeuge muss in Italien für die Anreise selbst aufkommen, als Entschädigung gibt's vom Staat 15 Euro Taggeld. Eher unwahrscheinlich, dass alle Zeugen jemals aussagen.
Wie sagte doch gleich ein Kiebitz im Tribunale. "Diesen Prozess will nur der Staatsanwalt in Turin. In Italien interessiert das keinen."





