Eine Affäre wird zum großen Skandal
Doping-Verdacht gegen Wiener Labor Zum Hauptartikel
Exklusiv: Die Welt-Anti-Doping-Agentur fordert Aufklärung über ein Labor, in dem systematisch gedopt worden sein soll.
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Richard W. Pound ist ein aufgeweckter Bursche. Seine Augen und Ohren hat er überall, der König der Dopingjäger, der er als Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) war. Bis zuletzt war der 65-jährige Kanadier unermüdlich seinen "Feinden", wie er sie gerne nennt, auf den Fersen.
Österreich zählte sicherlich zu seinen beliebteren Zielen. Die Causa Walter Mayer sowie die Spritzen-Connection von Salt Lake City und Turin sind mittlerweile legendär. Zuletzt streckte der mächtige Dick am 23. November seine Fühler nach Österreich aus.
Dem KURIER liegt exklusiv ein Schriftstück vor, ein Brief von Pound an Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka. Anfrage: "Wir hörten aus verlässlichen Quellen, dass eine Firma namens Humanplasma in Wien operiert, (. . .) und es bestehen gute Gründe zu glauben, dass diese Firma teilweise Athleten beim Blutdoping unterstützen soll."
Mister Pound will weiter wissen, was die Untersuchungen in dieser Causa ans Licht bringen würde bzw. ob und welche Athleten in eine etwaige Affäre verwickelt seien.
Reaktion
Pound reagierte dabei offenbar auf die Berichterstattung im KURIER und der deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit , die am 22. November 2007 über angebliche Doping-Machenschaften in Wien berichteten.
Tatsächlich tauchten Namen von zahlreichen Sportlern auf, die sich angeblich regelmäßig in der Blutbank (meist Sonntagfrüh, wenn herkömmlicher Betrieb nicht stattfindet) erfrischen haben lassen sollen. Als medizinischer Betreuer muss dabei zumindest ein hochspezialisierter Arzt fungiert haben.
Widerspruch
Nun hat Präsident Pound den Namen genannt. Humanplasma. Doch wer steht dahinter? Was steckt hinter dieser GesmbH? Wer verbirgt sich hinter einem Institut in der Alserbachstraße Nummer 18, das ausschließlich im Dienste der Medizin agieren möchte?
Dr. Lothar Baumgartner, 65, ist einer von zwei Geschäftsführern. Der Anästhesist fällt "beinahe vom Stuhl", als er mit dem Pound-Statement konfrontiert wird.
"Das ist insofern völliger Nonsens, da wir gar keine Blutkörperchen erzeugen. Der Sportler hat nichts davon, wenn er zu mir kommt", erklärt Baumgartner, bemüht um Gelassenheit. "Blutdoping ist in meiner Firma nicht erfüllbar."
Der Doktor verteidigt sich nachdrücklich: "Selbst wenn ich ein Schurke wäre – wir haben für Plasmawäsche gar nicht die Geräte", meint Baumgartner.
In diesem Punkt widerspricht der Kärntner Richter Arnold Riebenbauer. Der Mann des Gesetzes, von ÖSV-Boss Schröcksnadel nach der Affäre von Turin mit der Leitung einer unabhängigen Doping-Untersuchungskommission betraut, erläutert: "Wir bekamen schriftliche Informationen des Instituts, die anderes nahe legen."
Kompagnon
Die Firma Humanplasma betreibt in Österreich fünf Niederlassungen. "Wir sind ein Gewerbebetrieb unter medizinischer Aufsicht", erklärt Baumgartner. Und betont noch einmal: "Mein Gewissen ist so rein wie nur irgendwas."
Baumgartner leitet laut eigener Auskunft die Institute in Wien-Alsergrund, St. Pölten und Hainburg. Für die Niederlassungen in Wien-Floridsdorf und Retz sei der Humanplasma-Konsulent Paul Höcker zuständig.
Das verwundert nun doch ein wenig. Professor Paul Höcker, 65, ein Spezialist der Transfusionsmedizin, erklärte am 21. November 2007 auf KURIER-Anfrage, er habe "mit dem Labor noch nie etwas zu tun gehabt".
Baumgartner indes erklärt am 8. Jänner 2008, dass Höcker sehr wohl für die Firma tätig sei. Für alle Beteiligten gilt im Zusammenhang mit Blutdoping-Vorwürfen freilich die Unschuldsvermutung. Der KURIER distanziert sich aus rechtlichen Gründe ausdrücklich von allen unbewiesenen Vorwürfen.
Kronzeuge?
Schuldige sucht derweilen auch der ÖSV. Präsident Peter Schröcksnadel will Hintergründe und Hintermänner ausforschen und an den Pranger stellen. Die Blutspur führte seiner Meinung nach bereits im letzten Sommer nach Wien. "Es fehlte aber die Handhabe. Es fehlte ein Kronzeuge", sagt Richter Arnold Riebenbauer.
Und heute? "Dass Herr Pound das Institut beim Namen nennt, hilft rechtlich auch nicht weiter. Man braucht Beweise." Aus Sicht der WADA hingegen liege die Sache schon anders. "Indizien zählen da mehr. Es reicht der dringende Verdacht, um den Tatbestand des Dopings herstellen zu können. Es ist mir ein Anliegen, dass Zählbares herauskommt."
Untersuchung
Ein Sportler genüge schon, um dies zu erreichen. Er müsste freilich öffentlich auftreten. Potenzielle Kandidaten soll es genug geben. Aus dem nordischen Bereich, aus dem Rad-Lager. Unter anderem soll regelmäßig ein komplettes Team in Wien auf- bzw. abgetaucht sein.
Doch wie geht es nun weiter? Wie wird die Regierung auf die drängenden Fragen von Dick Pound reagieren?
Reinhold Lopatka hat das Innenministerium eingeschaltet. Günter Platter lässt ermitteln. Lopatka: "Und wenn am Ende des Tages etwas rauskommt, dann wird es Konsequenzen geben."



